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Compagnia Buffo zeigt neues Stück "Leben"

Mehr in der Neuen Osnabrücker Zeitung vom 19. Juli 2013 ...


Schwäbisches Tagblatt
Tübingen, den 22. September 2009

Compagnia Buffo

Kaspar Enterprise

Tübingen. Wenn die Compagnia Buffo die Odyssee erzählt, sieht das etwas anders aus als im Schulunterricht. Also wenn Willi Lieverscheidt sie erzählt. Denn die Compagnia Buffo ist momentan auf ihr Herz zusammengeschrumpft.

von Peter Ertle

Dafür schlägt es doppelt, Willi Lieverscheidt spielt für zehn. Hier ist Odysseus zunächst: Ein Kasper, tatsächlich auf der Kasperlbühne, und etwas später im Schattentheater, aber statt Krokodil oder Räuber trotzt er hier Spinne und Kampfhund, bevor er den einäugigen Cyclop überlistet.

Den anschließenden Besuch bei den Lotophagen transformiert er leichterhand zu einer Raumschiff-Enterprise-Adaption. Ein ergreifendes Melodram zwischen Leila und Mr. Spock, der auch mal Jacksons Moonwalk und Griff in den Schritt imitiert. Für den Besuch dieser Odyssee lohnt allerdings allein schon jene Episode, in der sich Odysseus, weil ihm der Wind das Hexenrezeptbuch verblättert, in den Zutaten vertut und anstatt in den erwünschten Vogel in einen Tier verwandelt wird, das nur ein Esel an dieser Stelle verraten würde. Lieverscheidt at his best.

Und noch mal eine Sternstunde, wenn er als als Freiburger Professor für den Kulturkreis Humanitäres Leben einen so dialektgefärbten wie dialektischen Vortrag über die Odyssee hält, die Schweißperlen fliegen am heißesten Tag des Jahres nur so in die erste Reihe, Lieverscheidt teilt Regenhäute aus. Das ist exzentrisch übersteigertes, wunderbares Typenkabarett, diesen Schlag von Professor erkennen wir sofort wieder. Und womöglich wäre der Vortrag-Wortlaut im akademischen Milieu sogar durchaus seriös und interessant.

Das alles schafft eine Person natürlich nur im fliegenden Wechsel. Und während der Schauspieler sich hinten umzieht, zwischen den Szenen, kommt immer wieder mal ein Requisiteur auf die Bühne, der mürrisch Dinge wegräumt oder hinstellt: Auch Herr Lieverscheidt. Wie macht der das? Die Kamera verfolgt ihn sogar scheinbar backstage, wo wir ihn Unmengen Hochprozentiges trinken sehen und auch mal übers Publikum schimpfen hören. Als Gipfelpunkt dieser Omnipräsenz diskutieren Lieverscheidt live und der Film-Lieverscheidt in der Garderobe miteinander und spielen schließlich im Doppel aus Leinwandoma und dem zum Opa gealterten Bühnenodysseus einen ergreifend und altersermattet echt aus dem Leben gegriffenen Dialog.

Zu dem Zeitpunkt sind die Grenzlinien zwischen virtuell und echt, Traum und Wirklichkeit aber schon längst gefallen, ist es Odysseus doch vorher schon gelungen, von der Bühne in den laufenden Film hinein und auch wieder hinauszuspazieren. Drinnen agiert er untertitelt mit dem Stummfilmstar Calypso, draußen steigt er bald mit Casanova in die Disco oder allein ins Totenreich hinunter, wo er als Schau- & Figurenspieler den Seher Theiresias trifft, der weniger an der Zukunft Odysseus’ als an dessen ebenfalls dort lebender, nein totender Großmutter interessiert ist, was noch komischer ist als die Schweinsmaske Agamemnons. Der wurde nämlich von Circe in ein solches verwandelt.

Ja, ja, bei aller Blödelei, es ist schon die Odyssee, weswegen Circe auch mit allerhand Zauberkünsten aufwartet. Dass Lieverscheidt sie gleichzeitig zu einer ewig ihrem Mann nachtrauernden, sächselnd-verhuschten Küchenschürzenmaus macht, ist wieder so ein Wahnsinnseinfall. Und die Sirenen? Gibt es als gespielten Witz. Man kann diesen kurzweiligen Abend nur empfehlen.


Marburg, den 4. Juni 2005

Derbe Komik prägt Theater-Spektakel



Marburg. Vor 20 Jahren begann die Geschichte des wandernden Zelttheaters "Compagnia Buffo". Am Donnerstag feierten sie zum zehnten Mal eine Premiere in Marburg.

von Sonja Veelen

Schrill, schräg und schockierend kommt das Episoden-Melodram-Spektakel "Liebe(n), Tode, Leidenschaften" daher. Da wird kein Blatt vor den Mund genommen, kein Tabu bewahrt. Die 50 Premierenbesucher ganz selbstverständlich einbezogen. Und, wie üblich bei Compagnia Buffo, beginnt die Show schon vor dem eigentlichen Programm.

In dieser Saison mit einer lauten, musikalischen Performance von Jan Sturmius Becker und Jirka Sova, die ausgerüstet mit kreativ gespicktem Waschbrett und Banjo steppend und singend für Stimmung sorgen.

Wer sich aus der Ferne dem Lahnufer hinter der Holzbrücke zur Jugendherberge nähert, mag sich ein bisschen an einen Jahrmarkt erinnert fühlen: Ein Wohnwagen-Toilettenhäuschen parkt am Wegrand, Lichterketten schmücken ein bunt bemaltes Festzelt aus dem Musik dringt und um das sich weitere Wohnwagen drängen. So sieht es aus, wenn das letzte deutschlandweit agierende Zelttheater Saison hat.

Das Programm ist eine vielseitige Mischung verschiedener Genres, das mit wenig Sprache und Kulisse auskommt, witzig, kurios, kla-maukig und abstrakt zugleich ist. So wechselt das vierköpfige Ensemble munter zwischen Schattenspiel, Maskentheater, Puppenspiel, Tanztheater, Schauspiel und Oper - oft mitten in einer Szene.

Dabei steht das Derbe oft im Vordergrund: Kasperle wird von Gretel und der Großmutter erhängt, ein inhaftierter Dichter reckt dem Publikum seinen übergroßen Penis entgegen und in einer anderen Episode wird minutenlang eine Ziege penetriert.

Es geht um Figuren, "die sich aus den Schlingen ihrer Unfreiheit, ihrer Ungeliebtheit, ihrer gesellschaftlichen Unterdrückung zu befreien versuchen, um ihre tiefsten Sehnsüchte erkennen und befriedigen zu können", heißt es im Programmheft. Vordergründig bleibt jedoch nicht tief greifende Prosa, sondern platter Klamauk - der beim Publikum gut ankommt.

"Etwas penetrations-betont, aber sehr witzig", fand Katharina Laux das Stück. "Schrill, schräg, vielseitig und wirklich professionell", urteilt Rosemarie Gräßle nach der Premiere.

Besonders Willi Lieverscheidt, der als buckliger Alter Notfallpläne aufstellt, Magie betreibt und in anderen Rollen seine Opernstimme durchs Zelt schmettert, zeigt, dass echte Könner auf der Bühne stehen.

Compagnia Buffo ist in jeglicher Hinsicht ein außergewöhnliches Unternehmen, das ein Spektakel veranstaltet, an dem sich jeder erfreuen wird, dem es nach einer Abwechslung zu klassischem Theater gelüstet.




Wendland, den 7. Mai 2005

Groteske Verrücktheiten

Compagnia Buffo gefiel im Theaterzelt in Korvin - Abwechslungsreiche Stilmittel


sum Korvin. Welch vertrauter Anblick, welch lieb gewonnene Atmosphäre. Der Besuch im heimeligen Theaterzelt der »Compagnia Buffo», in Korvin mittlerweile ein selbstverständlicher Programmpunkt der Kulturellen Landpartie, ist ein beliebter Ausflug in die Staub aufwirbelndeWelt aus Wandertheater, Jahrmarktfeeling und Klamauk.

Doch zu Beginn, wie gewöhnlich, müssen »erst mal ein paar Sachen geklärt werden». Die Notausgänge zum Beispiel. Und woran erkennen wir Stromausfall? Schon sind wir drin in Willi Lieverscheidts wahnwitziger Wandlungsfähigkeit, der gerade noch unscheinbar am Eingang die Karten knipste und bucklig durch die Reihen schlurfte. Ach, eigentlich ist es doch egal, was er erzählt, Hauptsache er spielt. Weiter geht»s. Mit Pauken und Trompeten, schleudert uns rhythmisches Tröten und Wummern in das neue Stück der Buffos, das absurde Melodram Spektakel »Liebe(n) Tode. Leidenschaften». Im Mittelpunkt des Geschehens steht »eine verlotterte, heruntergekommene Theatergruppe, die ihr 225-jähriges Existenzjubiläum feiert». Die Handlung ist eigentlich nicht so entscheidend. Episoden ranken sich atemlos aneinander. Immer neue Figuren werden kreiert. Lieverscheidt als angetrunkener Kasperl, immer wieder schön. Halb Mensch, halb Puppe, schlacksig verschwinden die Komödianten in dem Gefühl Kasperpuppe, baumeln labberige Beine über dem Bühnenrand. Eben noch verzückt im herzzerreißenden Puppenspiel, befinden wir uns gleich darauf im anrüchigen Gefängnis, in dem der Dichter Marquez absitzen muss und mit seinem »Freund Juan» für Unruhe sorgt. Das ist prall, das ist herrlich überzogen und deftiges Volkstheater.

Mit abwechslungsreichen Stilmitteln - Film, Schattentheater, komischer Oper, Commedia dell«Arte - geht es weiter durch die schillernde Theaterpoesie aus Illusion und Verwirrung. Monströse Kopfpuppenfiguren erzählen uns etwas aus dem Alltagsleben der Familie Klein, die sich nach Höherem sehnt. Ausdruckstanz, West Side Story, eine Einkaufstüte von Lidl, ein Schaf oder ein sinnlos hingeschleudeter Satzfetzen wie: »Das Mittagessen ist kalt geworden», reihen sich atemlos aneinander. Gefolgt von aberwitzigen Geschichten, die vor Spielleidenschaft nur so strotzen. Voller grotesker Verrücktheiten

Der in den vergangenen Jahren stets im Vordergrund agierende Willi Lieverscheidt, um den sich der Rest der Truppe rankte, was niemanden besonders störte, lässt diesmal besonders den neuen Mitgliedern der Truppe Jan Sturmius Becker, und Jirka Sova viel Raum für großartiges Können.



Schwäbisches Tagblatt
Tübingen, den 30. August 2003

Frauen, Fahrten, Abenteuer

Gepflegte Derbheiten: Das groß;e Welttheater der Compagnia Buffo
mit Shakespeares "Perikles, Fürst von Tyrus"
Willi Lieverscheidt trägt bauchfrei,
Sybille Denker wird zum Stehpult,
Peter W. Hermanns zum Schirmherr.
So sieht William S. bei der Compagnia B. aus.

TÜBINGEN (pme). Nebelverhüllt entsteigt der Dichter John Gower dem Grabe. In einem Nebel verhüllt wird er am Ende wieder grabwärts entschwinden. Dazwischen liegen gut zweieinhalb Stunden tolles Theater, in denen neben Gower noch 33 weitere Figuren die Bühne betreten werden. Nebst ungezählten Darstellern, die auf der Leinwand reüssieren. Eine Multimedia-Show sollte man das Theater der Compagnia trotzdem nicht nennen. Es klingt zu sehr nach heute, nach Verkabelung und Sektempfang, Hochglanzbroschüre und der Welt jener, die „es geschafft“ haben.

Revolutionäre Selbstbedienung

Das Theater der Compagnia aber ist handgestrickt, wenn auch mehrfach doppelbödig. Ihre Zeltwelt weht einen an wie eine Reminiszenz aus früheren Zeiten. Wenn ihre Tour Ende September in Esslingen zu Ende gegangen sein wird, werden sie Shakespeares Fürst von Tyrus in sieben Städten vier Monate lang insgesamt um die hundert Mal gespielt haben. Das ist es, was sie schaffen wollen. In der Pause ist Selbstbedienung angesagt, die Getränkekasse steht auf dem Thresen, die Zuschauer müssen das selber regeln. „Innovativ“ nennt man so was heute, weiß Willi Lieverscheidt, und auch: „Früher hätte man das „revolutionär“ genannt.“

Shakespeare also. Fürst Tyrus.Ein entdecktes Geheimnis steht am Anfang der Geschichte. Es bringt den Entdecker in Lebensgefahr, treibt ihn in die Flucht. Eine Odyssee beginnt. Auf der Odyssee beruht ja das Stück John Gowers, auf dem wiederum Shakespeares Stück basiert.

Prinzen und Protze

Männer, Fahrten, Abenteuer, aber auch eine Frau steht im Zentrum des umtosten Geschehens. Allen voran Marina, die Tochter des Perikles, auf stürmischer See geboren, als Kind nur knapp der Ermordung entronnen, dafür in die Hände von Räubern gefallen, die sie an ein Bordell verkaufen. Doch Marina, ganz Heilige und kein bisschen Hure, leistet nur einen Liebesdienst: Sie bekehrt alle Freier zum Glauben, bringt die Puffmama zur Verzweiflung und den Türsteher zum Wegsehen: Die Flucht!

Oder Thaisa: Der flüchtige, schiffbrüchige und aufgefischte Perikles wirbt, kaum an Land und noch ziemlich tangbehangen um die Hand der Prinzessin von Pentapolis. Und nicht nur Perikles wirbt: Prinzen und Protze, Ästheten und Astheniker, ja sogar schuhplattelnde Hinterwald-Bajuwaren treten auf, alle via Film. Auch die letzten Festspiele am Hofe, auf Zelluloid festgehalten, flimmern über die Leinwand, zeigen versagende Gewichtheber oder sonst strauchelnde Athleten. Die Aufnahmen dürften von irgendwelchen olympischen Spielen stammen. Bei solchen Film-Highlights ist für Heiterkeit gesorgt.

Das alles steht so nicht unbedingt bei Shakespeare, er lässt sich aber dahin verlängern. „Textfassung: Tieck, Schlegel, Ensemble“ steht im Programmheft. Dass sich die Compagnia keiner neueren Übersetzung bedient, ist dabei eine kluge Entscheidung. Denn Schlegel und Tieck bringen durch manche modernisierungswürdige Wendung gerade jene märchenhafte Ferne, jenes Pathos und Patina, das dem Spiel der großen Gesten eignet, und buffomäßig schön ins Lächerliche zu kippen ist.

Läuft und läuft und läuft

Die 34 Rollen können hier unmöglich aufgezählt werden. Also nur ein paar Schlaglichter auf die fünf Schauspieler: Willi Lieverscheidt erweist sich als Meister des vernuschelt nebenhin Gesprochenen, gewinnt als alter Perikles, Türsteher und König von Tarsus Statur. Peter W. Hermanns entzückt als Edelmann wie als raubeiniger Pirat. Sabine Barth verzaubert neben Prinzessin Thaisa auch die Zuschauer. Sybille Denkers Marina wird in Erinnerung bleiben. Und Angela Gülck: läuft und läuft und läuft.

Eines großen Finales würdig

Auffällig ist bei diesem Perikles, dass beinahe alles, was zu den Stilmerkmalen des Compagnia-Theaters gehört, wieder auftaucht, aber alles sehr dosiert, gepflegt, ausgewogen; was zunächst paradox klingt, denn zum Stil der Compagnia gehört das Unbändige, Derbe wie das Dotter zum Ei. Aber sie kriegen das irgendwie hin. Eine Theatergruppe zitiert sich selbst und besinnt sich zunehmend auf ihren Stoff. Das Wiedersehen zwischen dem alten Perikles und seiner totgeglaubten Tochter ist – bei aller melodramatischen Juxduselei – eines großen Finales würdig, richtig gutes Theater.
Text: Peter Michael Ertle, Bild: Metz




Göttingen, den 8. Juli 2002

Unersättlichkeit total

Willi Lieverscheidt als Villon im Theaterzelt


Langsam hatte sich das Zelt gefüllt. Erst die um die kleine Bühne drapierten Tische, dann die hinteren Sitzreihen waren vom gut gelaunten Publikum in Beschlag genommen worden. Vorfreude auf Willi Lieverscheidt von der Compagnia Buffo hatte man von den Gesichtern ablesen können. Das Theaterzelt im Cheltenhampark steht diesen Kultursommer schließlich nicht zum ersten Mal.

Die Welt versinkt

Und als um kurz nach acht der Folkwangabsolvent Lieverscheidt die Bühne betritt und mit seinen markanten Augen in die Runde blickt, versinkt die Welt jenseits der Zeltplane, und diesseits wird die Welt des Schauspiels aufgerufen. Diesmal überzeugt der eindrucksvoll wandlungsfähige Lieverscheidt als Francois Villon, dessen mit Balladen angereicherte Lebensbeichte er vorträgt.
Dabei scheint ihm die Rolle des dichtenden Gauners auf den Leib geschnitten zu sein. Allerdings hat er selber die Schere geführt: In Lieverscheidts Darstellung ist Villon ein alternder Genussmensch, dessen Antrieb sein schier unerschöpflicher Geist ist. Der ihn im Zuge der Amtshilfe durch seinen Bruder im Wein die Szenen seines Lebens monologisierend nacherleben lässt.

Ungekünstelt schnoddrig

"Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund", stöhnt Lieverscheidts Villon auf, dessen Erinnerungen fein und dessen Unersättlichkeit total ist. Und der als respektloser Beobachter zeitlose Gesellschaftsbilder zu pinseln versteht. Etwa vom faltigen Muttchen, deren reifer Körper ihr eine einzige Pein ist, und die frustriert wispert: "Wieso hast Du mich so geschlagen Alter?". Nicht nur sie wird von Lieverscheidt in mimischer Meisterschaft porträtiert.
Dessen ungekünstelte schnoddrige Art entfacht bei den Zuschauern Begeisterung. Dann und wann bricht er ab, streift durch die Reihen und fragt das Publikum, einer Laune folgend, biografische Daten ab. "Valerius, ist das ein Begriff? Wann geboren? Hauptwerk?". Mit Gespür für Komödie beendet er jeweils die Exkurse mit "Was machen wir jetzt? Weiter, ach richtig!". Und eine Sekunde später ist der Profi Lieverscheidt wieder mitten im Text.
Nach der zuckersüßen "Ballade von der Mäusefrau" ist Schluss und unwillig räumen die verzauberten Zuschauer die Plätze. Die herrlich versoffene Welt des dichterischen Genies Villon liegt hinter ihnen, heraufbeschworen vom großen Illusionisten Lieverscheidt. Draußen bahnt ihnen das letzte Tageslicht den Weg zurück in die Realität. Deren Existenz nach diesen wunderbaren zwei Stunden ein wenig stört.
Eduard Warda

Kölner Stadt Anzeiger

Köln, Montag den 10. Juni 2002

Monsieur Dechamps und sein
Feldzug gegen den Tod


Von NADJA WICK. Mit einer derben Tragikkomödie lässt die Compagnia Buffo die Tradition des Wandertheaters aufleben. Als auch noch der Goldfisch als sein letzter Gefährte stirbt, schwört Monsieur Dechamps (Willi Lieverscheidt) Rache: "Ich mach ihn fertig, diesen Tod!". Der Verzweifelte begibt sich auf eine makabre Reise in die Vergangenheit und durchlebt in verschiedenen Charaktermasken Grenzsituationen zwischen Leben und Tod.

Das skurrile Theaterstück "Doch das Paradies ist verriegelt. . .", mit dem die Compagnia Buffo am Freitag Premiere feierte, wartet mit einem großen Repertoire darstellerischer Einfälle auf: Ein Spiel mit überlebensgroßen Puppen, eine Opern-Persiflage, Zaubereinlagen und Schwarz-Weiß-Filme - die beiden Schauspieler Willi Lieverscheid und Angela Gülck ließen keine Eintönigkeit aufkommen. In Zeiten durchgestylter Hightech-Spektakel wirkt das burleske Episodenstück erfrischend menschlich, wenngleich einigen Szenen auch eine leisere Gangart gut gestanden hätte. Doch die Frivolitäten ziehen ihr Existenzrecht aus der Tradition des Wandertheaters, dem sich die Compagnia Buffo verpflichtet hat. Den komödiantischen Spielleuten gleich, die ihre Kunst auf den Bretterbühnen der Jahrmärkte zeigten, reisen Lieverscheid und Gülck mit ihrem Stück durch deutsche Städte. Auf dem Gelände des Zirkus-Artistik-Zentrum am Rheinufer (neben dem Axa-Hochhaus) gastiert die Compagnia Buffo noch bis zum 29. Juni täglich (außer montags) um 20 Uhr.

Ob sich Monsieur Dechamps mit seiner Reise dem Tod widersetzen kann, bleibt bis zum Ende offen. Nur so viel sei vorweggenommen: Der Tod ist eine Frau.

 

Schwäbisches Tagblatt
Tübingen, Montag den 11. September 2000

Die alte Mischpoke

Aber besser als je zuvor:
Die Compagnia Buffo am Tübinger Anlagensee
Willi Lieverscheidt

TÜBINGEN (pme). Man wird auf Großes vorbereitet, auf Gefährliches: Hier hängt die Notbeleuchtung, falls es einmal dunkel werden sollte. Dort sind die Notausgänge, da der Feuerlöscher. Die Dame drüben soll im Brandfall löschen, sie sitzt am nächsten.
 
Das Notlicht fällt dann nicht aus, es wird auch nicht brennen. Dafür wird einem Schauspieler erst ein Messer in den Kopf getrieben, der ihm wenig später einige Male um die eigene Achse gedreht wird. Auch den Zuschauern wird an diesem Abend der Kopf verdreht. So gut war die Compagnia Buffo noch nie. Schuld daran sind vor allem: ein Thema, ein Film und ein Stück schwarzes Theater.
 
Ein Thema: Gab es in den Anfangsjahren der Compagnia nicht, später dann schon. Aber diesmal scheinen sie das ideale Motiv gefunden zu haben: Mit dem Professor, der ein Geschöpf erschafft, das er so nicht gewollt hat, sind sie mitten in der aktuellen Gentechnologie-Diskussion. und vielleicht kann dies nur das Buffo-Theater, ohne auch nur im entferntesten den Ruch einer Anleihe bei einem Zeitgeist-Thema genommen zu haben: Gliedmaßen, Körpermonströsitäten, das Zerlegen und Zusammenfügen von Körperteilen gehört zur ureigensten Theatersprache der Compagnia. Eine glückliche Fügung.
 
Der Film: Der ist so komisch wie versiert. In dem Augenblick, in dem die Zuschauer erwarten, das bislang unter dem OP-Tuch verborgene Geschöpf nun endlich zu Gesicht zu bekommen, wird aus der Perspektive eben dieses Geschöpfs gefilmt. Dann stapft der bühnenleibhaftige Doktor in die Leinwand, tritt im Film auf. Die Ebenen geraten aufs schönste durcheinander. Künstlerisch wertvoll ist auch das Schattenspiel. Man weiß nicht so recht, inwieweit hier überhaupt noch ein Schattenspiel oder nicht schon ein Schattenspielfilm oder ein Mix aus beidem abläuft. Die Medienwerkstatt Freiburg, die in den Personen von Peter Herrmans (Regie) und Wolfgang Stickel (Film} präsent war, hat dieser neuesten Compagnia-Produktion eindeutig gut getan.
 
Und dann dieses schwarze Theater! Es mag für die Compagnia-Truppe vielleicht kein Kompliment und insgesamt ein eigenartiger Vergleich sein, aber wenn man so was bei Peter Steins Faust gesehen hätte, die Kritiker hätten es zu Recht gerühmt! Ein hochpoetischer Schöpfungsreigen, der dem Zuschauer größte Rätsel ob seines technischen Zustandekommens aufgibt. Immerhin besteht die Compagnia nur noch aus Willi Lieverscheidt, Doro Brinkmann und Angela Glück, also drei Leuten, die schließlich nicht ständig überall sein können.
 
Auch was das Puppenspiel angeht, überrascht das Trio. In einem so tumb-blöden wie bildungsbürgerlichen Märchen mit Prinz und Prinzessin stecken in den Menschen spielenden Puppen Menschen, die Puppen spielen. Falls das jemand nicht verstanden haben sollte, muss er eben selbst hingehen. Es lohnt sich sowieso, allein schon wegen dem Wiedererkennungswert. Denn neben den erwähnten Highlights ist es natürlich wieder die alte Mischpoke.
 
Das will man sehen, wenn Compagnia kommt, und das bekommt man auch zu sehen: Die große komische Oper, das Stück zum Mitsingen, Kasperl und Gretel verhauen sich gegenseitig. Derb, grob, deftig, lüstern, schauerlich, rührend. Doch im Detail dann immer wieder sehr fein und zart gewebt Die Compagnia Buffo ist poetischer und weiser geworden. Ohne Einbußen an Kindsköpfigkeit und Blödsinn. Eine gute Nachricht.



Badische Zeitung
Freiburg, Mittwoch den 4. Oktober 2000

Im wandernden Wunderzelt

Zelttheater: Die Compagnia Buffo auf dem Stühlinger Kirchplatz in Freiburg

Nachdem wir genau erfahren haben, welche Sicherheitsvorkehrungen uns vor dem Theater retten werden und ein Glücklicher ein "Menü für 4 Personen" gewonnen hat (das sich später als Tütensuppe und Puddingpulver entpuppt), erstürmen Doppelwesen aus Puppen und Menschen die Bühne im Zelt auf dem Stühlinger Kirchplatz und von nun an ist nicht mehr zu unterscheiden, wo Schatten und Schauspieler anfangen und wieder aufhören: Die Compagnia Buffo ist wieder da, mit neuem Programm: "Der Körper meines Schattens" (Regie: Peter Willi Hermanns aus Freiburg).

Zur kurzen Erholung erst mal einen schönen alten Film: Herr Prof. Dr. Sachsenfeld, Professor der Biochemie, möchte die vollkommene Frau zu erfinden: die rechte Hand die einer Nonne, die linke die einer Hausfrau und das Herz von Prinzessin Diana, besser kann ein weibliches Wesen nicht sein. Aber Sachsenfeld und sein Gehilfe überspringen nicht nur dauernd die Grenzen der Leinwand, auch die ideale Frau Frankenstein wird leider anders als geplant, sondern fängt an, ihren Erzeuger über Berge, Wiesen und Täler zu verfolgen.

Unterdessen erleben wir die Liebesgeschichte vom hässlichen, schlauen Prinzen und der schönen Prinzessin mit nur zwei Gehirnzellen. Zwei riesengroße Puppen, in denen auch Menschen stecken könnten, aber natürlich Puppen sind. Aber da bewegt sich doch trotzdem ein Arm einfach so? Zum Augenreiben. Nichts ist, wie es scheint, und doch geht alles mit rechten Dingen zu.

Jahre  später, Dinosaurier ziehen übers Land, passieren andere wunderliche Geschichten: Da ist Jean-Claude, der schwebende Jungmann, dem auch mal die Unterhose weggezaubert wird. Oder der Mann, der seinen Schatten in das graue Schattenreich des schattengeilen Herrn von Schattenwald verkauft. Oder die hochdramatische Oper von der Königin von Saba, bei der wir den Chor bilden und das Blut reichlich in roten Stoff bahnen fließt. Und wie unterscheidet Gretel das Kasperle vom Teufel?
Zwischendurch, den Handlungsfaden haben wir schon ein bisschen verloren, erklingen zauberische Gläserharmonien und Kuhnlockenlieder, leuchten 'minutenlang wundersame Landschaften, die unter Wasser, in der Luft oder auf dem Mond sein könnten. Auf der fluchtartigen Reise von Professor Sachsenfeld ist das rätselhafte Frauengeschöpf immer ganznah - manchmal kommt es einfach aus einer Kontaktanzeige gesprungen. Und dann hat es selbst seinen Schatten verloren. Aber am Ende wird alles gut.

Die Compagnia Buffo aus Tübingen hat in Freiburg wieder einmal ihr wanderndes Wunderzelt aufgeschlagen - seit 1985 ziehen sie herum und entführen in ein rasantes, multimediales Episodenspektakel, in dem Abbild, Illusion und Realität beständig verschwimmen. Sie sind weit davon entfernt, nur Jährmarktsklamauk zu sein " poetisch und derb, entrückt und bodennah gleichzeitig sprudeln ihre verrückten Fantasien. Eigentlich fast eine One-Man-Show, denn Willy Lieverscheidt lässt seine Mitspielerinnen Doro Brinkmann und Angela Gülck kaum zu Wort kommen, aber trotzdem sind die drei so harmonisch, wild und witzig, dass man ihnen nur jeden Abend ein ausverkauftes Zelt wünschen kann.

Dorothea Marcus
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